U. Häßler @ 2008-12

Belichtungsmessung mit dem Objektiv 2

Punktgenau belichten

Im Life View auf dem Monitor der Digitalkamera steuert das Histogramm die Belichtung mit einer nie zuvor gesehener Präzision: Schon vor dem Auslösen ist ersichtlich, ob das Bild die volle Zeichnung in den tiefsten Schatten und den hellsten Bereichen zeigt, durch die eine Aufnahme erst perfekt wird.

Das Histogramm ist ein Zonensystem mit 256 Zonen und seine Anwendung ist genial einfach.

Zeit, das Histogramm auf dem Display der Digitalkamera zur Hilfe zu nehmen: Zeigt sich ein Anstieg am rechten oder linken Rand des Histogramms, kann der Fotograf der potentiellen Fehlbelichtung durch eine Belichtungskorrektur entgegenarbeiten. Mit jeder drittel Blende mehr wandert das Helligkeitsgebirge des kleinen Histogramms ein Stück nach rechts, bis die senkrechten Balken knapp vor dem rechten Rand des Histogramms enden. Ohne „trial and error“ wird die Aufnahme perfekt belichtet.

Schwachstelle der Sensoren: Keine Gnade für die Lichter

So wie das analoge Bild mit dem Zonensystem auf die Schatten belichtet wurde, galt in den Anfangstagen der digitalen Fotografie „lieber etwas unterbelichten“, da sich die zeichnungsarmen Schatten im Bildbearbeitungsprogramm so einfach mit der Tonwertkorrektur aufhellen lassen, ohne dabei die Lichter in Mitleidenschaft zu ziehen. Der passende Spruch zu dieser Belichtungsstrategie lautet: „Belichten auf die Lichter“, da die Unterbelichtung dafür sorgt, dass die Lichter eine ausreichende Durchzeichnung erhalten.

Überbelichtete Partien hingegen machen ein Bild unwiderruflich unbrauchbar. Wo der Sensor keine Zeichnung erfasst hat, holt kein Bildbearbeitungsprogramm jemals Zeichnung hervor. Der Sensor hat die Ladung so lange akkumuliert, „bis der Eimer voll war“ (das Bildweiß erreicht wurde) und alle weiteren Photonen skrupellos ignoriert.

Die dunkle Seite der Helligkeitskorrektur: Rauschen

Die Korrektur der unterbelichteten Aufnahme bringt allerdings nicht nur die Zeichnung aus den Tiefen ans Tageslicht, sondern auch das »Rauschen« (einzelne fehlfarbene Pixel) und die Helligkeitskorrektur ist immer mit einem leichten Farbshift verbunden.

Aber das ist nur die äußere sichtbare Wirkung. Dahinter gehen die Verluste einer Belichtung auf die Schatten noch tiefer. Das digitale Bild erreicht einen Kontrastumfang von fünf bis sechs Blendenstufen. Die Tonwerte der Blendenstufen sind aber nicht gleich verteilt, sondern

  • Im ersten f-Stop liegen die hellsten Töne. Sie umfassen 2048 Tonwertstufen.
  • Im zweiten f-Stop liegen die hellen Töne. Sie umfassen 1024 Tonwertstufen.
  • Im dritten f-Stop liegen die Mitteltöne. Sie umfassen 512 Tonwertstufen.
  • Im vierten f-Stop liegen die dunklen Töne. Sie umfassen 256 Tonwertstufen.
  • Im fünften f-Stop liegen die dunkelsten Töne des Bildes. Sie umfassen 128 Tonwertstufen.

Auch wenn der Kontrastumfang nun fünf oder sechs oder sieben Blendenstufen erreichen – jede Stufe nach der hellsten Stufe enthält nur noch die Hälfte der Tonwerte. Eine Belichtung auf die dunklen Tonwerte wird also immer den größten Teil der Helligkeitsstufen verschenken.

Die Fotografen mit der Kompaktkamera haben darum bereits eine Strategie für die Belichtungssteuerung über das Histogramm entwickelt: belichten auf den Weißpunkt des Histogramms.

Das Maximum an Licht einfangen

Statt die Aufnahme unterzubelichten, darf der Fotograf mit dem Blick aufs Histogramm so viel Licht durch das Objektiv lassen, bis die Balken des Histogramms am rechten Rand ankommen, und ist dabei sicher, dass keine Überbelichtung ein weißes Loch in seine Aufnahme reißt. Das Bild wird insgesamt heller, die Detailzeichnung in den Tiefen wird ohne Korrektur sichtbar – im Grunde genommen folgen wir der Anweisung des Zonensystems: Die Schatten schon bei der Aufnahme so weit wie möglich öffnen.


Nebenbei: Wenn das Bild durch diese Belichtungsstrategie insgesamt zu hell ausfällt, darf es ohne Reue im Bildbearbeitungsprogramm durch eine Tonwertkorrektur abgedunkelt werden. Der Ausdruck auf dem Tintenstrahldrucker wird auf jeden Fall dankbar für das zusätzliche Licht sein und die dunklen Schattenseiten nicht mehr ins Schwarz »absaufen« lassen.

Zwar gibt es keine Entwicklung der Lichter, bis die Zeichnung wie einst in der Dunkelkammer zum Vorschein kommt, dafür sind die Lichter dank des Histogramms »auf den Punkt gebracht«. Der passende Spruch für den Digitalfotografen lautet also: »Belichten auf den Weißpunkt des Histogramms«.



Die Frage, ob eine Spot-, mittenbetonte oder Matrixmessung angebracht wäre, tritt in den Hintergrund. Stattdessen wird je nach Motiv und Bildaussage eine Blende oder Zeit vorgewählt, um mit den Informationen des Histogramms und der Vorschau auf dem Display Blende oder Zeit zu korrigieren (z.B. durch eine Blendenkorrektur in Schritten von je einer Drittel Blende), bis das bildwichtige Motiv herausgearbeitet wird.

Fazit

Zusammen mit dem schnellen Griff zur Belichtungskorrektur ist das Histogramm im Live View eine wertvolle Bereicherung der Belichtungsstrategien. Das Allheilmittel gegen falsche Belichtungen ist auch das Histogramm natürlich nicht. Ein hoher Kontrastumfang, den der Sensor nicht erfassen kann, kann durch eine Belichtung via Histogramm immer noch nicht erfasst werden. In immer mehr Kameras geht die Kamerasoftware mit unterschiedlichen Strategien gegen dieses alte Dilemma der Fotografie vor:

  • durch ein generelles Absenken des Kontrastumfangs,
  • durch eine Belichtung auf den Weißpunkt und öffnen der dunklen Bildbereich schon in der Kamerasoftware.

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