U. Häßler @ 2008-12

Brennweite und Perspektive

Paul Cézanne hat Gefühle und Effekte des Sehens in seinen Bildern studiert. Hätte er diese Bilder nicht gemalt sondern fotografiert, dann hätten wir es mit einer kleinen Studie über die Wirkung von Brennweiten zu tun …

Die Brennweite des Zoomobjektivs spart nicht nur ein paar Schritte näher auf das Motiv zu oder setzt nicht einfach nur einen ganzen Raum mit einer kleinen Brennweite ins Bild. Wer verschiedene Brennweiten mit unterschiedlichen Standpunkten bewusst zur Bildgestaltung einsetzt, setzt Emotionen ins Bild, betont sein Motiv oder schönt ganz einfach sein Porträt.

Dass ein Weitwinkelobjektiv eine überproportionale Vergrößerung der Objekte im Vordergrund bringt, fällt jedem Fotografen auf. Die Verkürzung der Entfernungen in Aufnahmen mit langen Brennweiten hingegen kommt unserem Sehen entgegen und wird vom Betrachter gar nicht so schnell bewusst wahrgenommen. Dabei sind die Effekte der Brennweiten subtile und doch überaus wirksame Merkmale der Bildgestaltung.

Die Wirkung der Brennweite lässt sich nicht auf ein einfaches »nah ran holen« und »viel ins Bild setzen« reduzieren. Wer bei der Aufnahme seinen Standpunkt nicht ändert, bekommt die Wirkung der Brennweite aber nicht zu Gesicht. Erst das Zusammenspiel aus der Perspektive – dem Standpunkt des Fotografen – und der Brennweite setzt die kreativen Gestaltungsmöglichkeiten der Brennweiten ein.

Bei den Objektiven der Spiegelreflexkameras ist die Brennweite in das Objektiv graviert – sie ist eines der wichtigsten Kaufkriterien für das Objektiv. Bei Kompaktkameras sind die Brennweiten schon mal im Objektivring aufgeführt, aber da die Brennweiten von Kompaktkameras sehr exotisch klingen, prangt auf den meisten Kameras ein Aufkleber mit 5-x Zoom oder 10-x Zoom.

Immer wieder ein heikles Thema: Brennweite und Sensorgröße

In den Zeiten der analogen Kameras waren Brennweite einfach und schlicht für alle Kameras leicht zu vergleichen: Brennweiten unterhalb von 50 mm sind weitwinklige Brennweiten, 50 mm werden als Normalbrennweite bezeichnet, längere Brennweiten als Telebrennweiten oder gleich als Teleobjektiv. Heute braucht jede Kamera eine Übersetzung – je nach Größe des Sensors. So sind bei Spiegelreflexkameras mit einem APS-C-Sensor (z.B. Nikon, Canon, Sony) jetzt 35 mm »Normal« – so wie wir die Welt sehen, bei den Four Thirds-Sensoren von Olympus, Leica und Panasonic ist 25 mm die Normalbrennweite.

Wer sich als Fotograf einen festen Standpunkt für eine Aufnahme sucht und dann versuchsweise in das Bild im Sucher oder auf dem Display hinein und wieder heraus zoomt, betreibt keine Bildgestaltung, sondern sucht sich eine Ausschnittsvergrößerung.

Hier ist der Effekt der unterschiedlichen Brennweiten tatsächlich noch zart und subtil – beide Aufnahmen entstanden mit »Telebrennweiten«. Damit das Schloss bei unterschiedlichen Brennweiten gleich groß aufgenommen wird, muss der Fotograf bei der kleineren Brennweite ein paar Schritte näher an das Motiv heran, bei der Aufnahme mit der längeren Brennweite muss der Fotograf ganz schön weit durch das verschneite Feld vom Schloss weg stiefeln.

Der Bildeffekt der Brennweite: Je näher, desto stärker

Der Effekt der eingesetzten Brennweite ist umso stärker, je näher wir dem Motiv kommen.

Drei Aufnahmen, das Motiv immer in derselben Größe, aber drei Bildwirkungen:

  • Die Aufnahme mit der langen Brennweite (tatsächlich auch hier »nur« 120 mm entspr. KB) nimmt dem Bild die Tiefe. Die Pfosten im Vordergrund scheinen auf einer geraden Linie vor dem Denkmal der Kurfürstin zu stehen. Das Denkmal wirkt, als stünde es nur wenige Meter vor dem Moerser Schloss.
  • Die Normalbrennweite gibt uns ein ganz anderes Bild der Szene. Die Entfernung zum Schloss ist größer geworden. Durch den größeren Bildwinkel zeigt das Bild natürlich auch mehr von seiner Umgebung, obwohl das Denkmal genauso groß ist wie im Bild mit der langen Brennweite.
  • Die kleine Brennweite – das Weitwinkelobjektiv – setzt das Denkmal im Vordergrund und das Schloss im Hintergrund in eine ganz andere Beziehung. Das Denkmal ist überproportional groß. Die starke räumliche Wirkung der kleinen Brennweite spiegelt sich vor allem in den Pfosten im Vordergrund wieder: Jetzt ist selbst anhand von nur zwei Pfosten deutlich sichtbar, dass die Pfosten einen Kreis um das Denkmal bilden.

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