U. Häßler @ 2008-08

Praktisches Farbmanagement

Dumme Zwickmühle: Unsere Kameras nehmen mehr Farben auf, als unsere Monitore anzeigen können. Können wir die Farben für die Zukunft horten?

Bilder scannen, digital fotografieren, bearbeiten, per Email versenden, im Internet präsentieren oder Fotos drucken – das läuft heute schön rund. Nur das Farbmanagement stürzt uns immer wieder in Verzweiflung.

Natürlich wollen wir alle das Beste aus unseren Fotos herausholen. Gerade bei Farben und Kontrasten will kein Fotograf auf das kleinste Quäntchen verzichten. Schließlich bieten alle Spiegelreflex- und auch viele semiprofessionelle Bridgekameras mit AdobeRGB einen großen Farbraum für hoch gesättigte und brillante Farben.

Dummerweise können nur die Monitore der Spitzenklasse die Farben des AdobeRGB-Farbraums tatsächlich darstellen. Darum lautet die Gretchenfrage immer wieder: Soll ich AdobeRGB oder sRGB an meiner Kamera einstellen?

Blindflug mit dem Monitor

Nur sehr wenige teure Monitore der Spitzenklasse können heute den vollständigen AdobeRGB-Farbraum darstellen – also werden nur wenige Fotografen sehen, was in ihren AdobeRGB-Bildern steckt.


Rund den dreifachen Preis muss man für einen »Wide Gamut«-Monitor im Vergleich zu einem normalen Monitor rechnen – bei 700 bis 1000 € liegt der Einstieg für Monitore, die einen großen Teil des AdobeRGB-Farbraums darstellen können. Nur wer beim Kauf des Monitors tief in die Tasche greift, wird sehen, welche Farbbrillanz unsere Kameras tatsächlich liefern. Mit einem herkömmlichen Monitor hingegen korrigieren wir unsere Bilder im Blindflug.



Selbst hochwertige Monitore erreichen »nur« sRGB, wie die Grafiken oben zeigen. Für die Qualität der Farbdarstellung steht nicht nur die Größe des Farbraums, sondern die Homogenität der Farben spielt eine wichtige Rolle. Die Frage, ob z.B. feine Verläufe in den hellen Farben ohne Bänder sauber wiedergegeben werden können, ist für die meisten Fotos wichtiger als das Erreichen eines exotischen Grün- oder Orangetons.

Ich möchte meine Bilder aber jetzt nicht einschränken

Natürlich können Sie Ihre Bilder sozusagen auf Vorrat mit AdobeRGB aufnehmen und archivieren, aber dann müssen Sie die Bilder immer in sRGB umwandeln, um sie zu drucken, auf dem Monitor zu präsentieren und weiterzugeben. Wer sich für den größeren AdobeRGB-Farbraum entscheidet, muss sich einem strengen Arbeitsablauf unterwerfen und stets sein Color Management im Auge behalten.

Jedes AdobeRGB-Bild muss

  • für das Internet,
  • für die Darstellung auf dem Fernseher,
  • für den Email-Versand,
  • für die Einbindung in Präsentationen mit Powerpoint, Word oder andere Office-Programme,
  • genauso wie für den Fotoprint,
  • für den Druck von Fotobüchern und
  • zur Weitergabe an Dritte

in den sRGB-Farbraum transformiert werden. Nur so kann das AdobeRGB-Bild zuverlässig ein gutes Bild abgeben.

Was verliere ich mit sRGB?

Bei Transformationen in den sRGB-Farbraum wird es selten zu sichtbaren Verlusten der Farbbrillanz kommen – nur wenn der eigene Monitor einen größeren Farbraum als sRGB hat und das Foto tatsächlich Farben enthält, die nicht im sRGB-Farbraum liegen, wird sich die Transformation durch eine geringere Brillanz zeigen.

Wenn Sie hingegen mit AdobeRGB Szenen fotografieren, deren natürliche Farben nicht über den sRGB-Farbraum hinausgehen, bleibt ein nennenswerter Teil des Farbraums ungenutzt, während sich die weniger gesättigten natürlichen Farben in den restlichen Raum quetschen. Bei Bildern mit 16 Bit Farbtiefe ist das unerheblich, aber in JPEG-Aufnahmen verzichtet niemand gern auf das volle Potential seines Sensors.

Ergo: Im Grunde gibt es die Frage sRGB-Farbraum oder AdobeRGB-Farbraum gar nicht. Wer seine Aufnahmen als reine JPEG-Bilder speichert, sollte beim sRGB-Farbraum bleiben. Wer seine Kamera auf RAW-Aufnahmen einstellt, muss sich die Gretchenfrage erst bei der Transformation der RAW-Bilder in JPEG oder TIFF stellen.

Für wen lohnt sich der AdobeRGB-Workflow?

Viele Fotografen tendieren zum AdobeRGB-Farbraum in der Hoffnung, Ihren Kameras auf diese Weise brillantere Farben abzugewinnen und müssen sich dafür einem Arbeitsablauf beugen, der keine Fehler und keine schwachen Geräte in der Verarbeitungskette von der Kamera über den Monitor bis zum Drucker toleriert. Aber die Größe des AdobeRGB-Farbraums basiert auf einer rein technisch orientierten Darstellung des CIE-Farbraums.

Die CIE-Schuhsohle aus dem Jahr 1931, die immer wieder zum Vergleich von Farbräumen herangezogen wird, gibt dem grünen Bereich einen überproportional großen Anteil, der vom menschlichen Auge so gar nicht wahrgenommen werden kann.


Platte Annäherungsversuche

Genauso wie bei der oft zitierten CIE-Schuhsohle von 1931 gilt auch für die moderne Variante: Trau niemals einer zweidimensionalen Darstellung von Farbräumen … sie verschleiern, was in den empfindlichen Helligkeitsbereichen – den Tiefen und den Lichtern – tatsächlich los ist.

brucelindbloom.png

Using the Chromaticity Diagram for Color Gamut Evaluation Bruce J. Lindbloom zeigt mit animierten 3D-Grafiken, wie sich Farbräume im Universum entfalten. Auf der Seite »RGB Working Space Information« lassen sich die Dimensionen von Farbräumen vergleichen.

Darum wurde im Jahre 1976 ein neu quantifizierter CIE u’v’-Farbraum veröffentlicht, in dem der Abstand zwischen den Farben besser dem vom menschlichen Auge empfunden Abstand angepasst ist. Wir sehen trotzdem in allen Publikationen immer wieder die CIE xy-Schuhsohle aus dem Jahr 1931 – wahrscheinlich weil sie älter ist und jeder sie benutzt. Die moderne stimmigere Variante des CIE u’v’ bekommen wir nur selten zu Gesicht.

Im CIE u’v’ relativiert sich die überlegene Größe des AdobeRGB-Farbraum gegenüber dem sRGB-Farbraum.

Wer also seine Bilder mit AdobeRGB aufnehmen will, um von einem größeren Farbraum zu profitieren, sollte sich zuvor fragen:

  • In welchen Bildern profitiere ich von dem gesättigteren Grün-Cyan-Tönen des AdobeRGB-Farbraums? Habe ich etwas von dem leicht größeren Farbraum in den hellen Orange- und Magentatönen?
  • Kann ich von den so gewonnenen Farben auf meinem Monitor etwas sehen? Das setzt auf jeden Fall voraus, dass Sie Ihren Monitor regelmäßig kalibrieren und profilieren.
  • Kann ich diese Farben drucken? Wer seine Bilder für das Fachlabor oder für den Offsetdruck aufbereitet, wird die Antwort auf die Frage vom Labor oder der Druckerei (die wird sich eciRGB wünschen) erfahren. Wer Bilder auf dem eigenen Drucker ausgibt, kann sich die Frage beantworten, wenn der Drucker profiliert ist.

Anmerkungen von Besuchern »

  1. Kommentar by Griestop — 28. Juni 2010 @ 13:17

    Ich würde gern mehr über color/Farbmanagment wissen. Gibt es Seminare als Weiterbildungskurs? Zum Beispiel Thema “Druck und Archive” ? Danke für einen Hinweis!

  2. Kommentar by admin — 28. Juni 2010 @ 13:19

    beim Nikon-Kolleg gibt es Lektionen zum Farbmanagement, für die es entweder schon ein Zertifikat gibt oder die noch zertifiziert werden, so dass sie für die Ausbildung eingesetzt werden können.

    nikonkolleg.de

    Man muss sich anmelden, aber die Inhalte lohnen den Anlauf!


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